Zwillingsschwangerschaft
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    Zwillinge stillen – Erfahrungsbericht über das Stillen von frühgeborenen Zwillingen (Teil 2)

    Von Christian Reuter | 8.März 2012

    Wie bringt man ohne Babies die Milch zum Fließen?

    Eine flapsige Antwort auf diese Frage wäre: durch Pumpen! Eine kleine Beschreibung der Schwierigkeiten, die in den ersten Tagen nach dem Kaiserschnitt über mich hereinbrachen, soll verdeutlichen, dass dieses Pumpen mich an den Rand dessen brachte, was ich leisten kann: Da war zuallererst die Sorge um die Zwillinge, die getrennt von mir auf der Neugeborenen-Intensivstation lagen, einer Umgebung, die vom Gefühl her völlig ungeeignet für Babies ist mit ihrem hellen Licht und den überlauten Alarmpiepsern von allen möglichen Geräten. Dazu die unzähligen Kabel und Schläuche, an die die Babies angeschlossen waren.

    Dann ist man nach einem Kaiserschnitt immerhin frisch operiert, doch statt zu liegen und mich zu kurieren, schwang ich mich in einen Rollstuhl, um möglichst oft und lange bei meinen Kindern zu sein. So sehr ich mich über die Besuche und die Anteilnahme der Verwandtschaft freute, manchmal wurde mir auch das fast zu viel.

    Manche Krankenschwester konnte kaum verstehen, dass ich den chronischen Schlafmangel auch zu ungewöhnlichen Tageszeiten zu bekämpfen versuchte und kam ohne zu klopfen ins Zimmer, um meiner Meinung nach völlig nebensächliche Dinge zu erledigen, wie z.B. den Wickeltisch einzuräumen, den ich ja beileibe nicht brauchte. Ja, und das Pumpen: Alle drei Stunden, rund um die Uhr. Mit dem mühsamen Weg in den Pumpraum, Brustmassage, 10 – 15 Minuten Pumpen auf jeder Seite und Aufräumen war ich jeweils eine knappe Stunde beschäftigt.

    Im Nachhinein hört es sich nach kaum überwindbaren Schwierigkeiten an. Wie habe ich das trotzdem geschafft? Ich wollte auf jeden Fall stillen. Nach der Lektüre von zwei Stillbüchern während der Schwangerschaft war mir klar, dass Muttermilch das Beste war, was ich meinen Kindern geben konnte, erst recht, da sie als Frühchen geboren waren. So beschränkte ich mich in dieser Situation auf zwei Dinge: Milch pumpen und „känguruen“, d.h. die Babies immer wieder für ein paar Stunden auf meine Brust zu legen. Auch wenn die Schwestern auf der Intensivstation mich manchmal komisch ansahen, wollte ich in den ersten Tagen weder wickeln noch baden noch füttern, weil mir dafür einfach die Kraft fehlte. Dies war zunächst allein Papas Aufgabe. Auf der Frauenstation setzte ich durch, dass man mich nachmittags schlafen ließ und dass in der Zeit niemand in mein Zimmer kam.

    Gleich am ersten Tag wurde ich von einer Schwester darin eingewiesen, wie die elektrische Milchpumpe zu bedienen ist. Wichtig war die Information, dass in den ersten Tagen kaum Milch kommen würde. Hätte ich das nicht gewusst, hätte ich vielleicht aufgegeben. Ich musste alle Selbstdisziplin, zu der ich fähig bin, aufbringen, um alle drei Stunden aufzustehen. Als der Milcheinschuss kam, war die Betreuung durch die Krankenschwestern sehr wichtig, vor allem eine der Nachtschwestern hat sich rührend um mich gekümmert. Was ich leider nicht vorher wusste, war, dass der Milcheinschuss sich nicht etwa dadurch bemerkbar macht, dass auf einmal viel Milch kommt. Im Gegenteil, die Brust schwillt an und durch die Schwellung kommt nichts mehr durch die Milchgänge hindurch. Deshalb ist es ganz wichtig, die Brust gut zu massieren. Wie das geht und welche Salbe / welches Öl man dazu nimmt, muss man sich von einer Krankenschwester zeigen lassen.

    Dieser Tag des Milcheinschusses war schlimm. Nicht nur die Milch hatte sich aufgestaut, die Verdauung war noch nicht wieder in Gang gekommen, im Zimmer herrschte Unordnung, bei mir machte sich allmählich der Schlafmangel bemerkbar und alles ging mir auf die Nerven. Ich hatte das Gefühl, dass ich an der Situation schnellstens etwas ändern musste, und so fing ich damit an, das Zimmer aufzuräumen. Das kostete zwar ziemlich Überwindung, weil die Operationswunde beim Gehen sehr schmerzte, aber nachdem ums Bett herum Ordnung geschaffen war, löste sich ein Problem nach dem anderen. Ich verbrachte eine Stunde auf der Toilette, dann „funktionierte“ das auch wieder, und schließlich löste sich die Schwellung der Brust langsam auf und die Milch floss reichlich.

    Leider wurde mir erst ein paar Tage nach der Entbindung von einer Schwester gesagt, dass man als Zwillingsmutter besser mit zwei Pumpsets an beiden Brüsten gleichzeitig pumpt, weil dies die Milch noch stärker anregt. Die 15 Minuten Zeitersparnis, die sich dadurch ergaben, waren unendlich wertvoll. Außerdem begann ich, Fotos von den Zwillingen aufzustellen, so dass ich sie beim Pumpen anschauen konnte. Das brachte die Milch auch leichter zum Fließen.

    Dann begann mein „Wettlauf“: Die Kinder bekamen immer zuerst das, was an Muttermilch vorhanden war, danach wurde künstliche Säuglingsmilch zugefüttert. Am Anfang bekamen sie sogar noch Glucoselösung als Infusion, weil sie noch nicht so viel Milch verdauen konnten. Dann steigerte sich ihre Trinkmenge jedoch fast von Tag zu Tag, und ich war mit der Milchproduktion immer ein bisschen hinterher. Kurz darauf hatte ich sie „eingeholt“, was aber bedeutete, dass sie in der Nacht trotzdem noch Säuglingsmilch bekamen, weil ich da ja nicht in die Intensivstation hinein konnte. Und nach einer Woche hatte ich einen halben Tag Vorsprung, so dass die Kinder auch nachts nur noch meine Milch bekamen. In den ersten Tagen bekam ich einen dicken Schorf auf den Brustwarzen, der beim nächsten Pumpen immer erst aufbrechen musste, bevor Milch kommen konnte. Beim Pumpen weichte er auf und bis zum nächsten Pumpen wurde er wieder fest. Ein absolut nicht hilfreicher Kommentar einer Schwester, die ich um Rat fragte, war, dass sie auch nicht wisse, woher das komme, und dass es gut sein könne, dass ich das die ganze Stillzeit über habe.

    Nachdem ich auf meine Pumpe (Isis von Avent) mit Handbetrieb und einem weichen Silikoneinsatz umgestiegen war und den Schorf über zwei Tage verteilt in kleinen Stücken abgekratzt hatte, kam er nicht wieder. Es gab jedoch auch Positives: Die Sorgfalt, mit der in der Intensivstation jeder Tropfen, den ich brachte, aufbewahrt und den Kindern gefüttert wurde, ermutigte mich. Oder das Lob der einen oder anderen Schwester, wenn ich zu nachtschlafender Zeit Milchfläschchen im Kühlschrank verstaute.

    Dann – Tage später – ein zufälliges Gespräch mit einer Kinderschwester der Intensivstation, die auch Stillberaterin war. Sie beantwortete meine zahlreichen Fragen und zeigte mir eine der modernen elektrischen Pumpen (Medela Symphony), die die Station besaß. Der Unterschied war beim Pumpen deutlich zu spüren. Die wichtigste Hilfe kam von meinem Mann, der mir alles abnahm und mich immer wieder ermutigte. Ich denke im Nachhinein, dass ich in meiner Situation durchaus das Recht gehabt hätte, gleich nach einer Schwester zu fragen, die eine Ausbildung als Stillberaterin gemacht hat. Wer in einer ähnlichen Lage ist, sollte sich klarmachen, dass hier falsche Bescheidenheit der Mutter nur zu Lasten der Schwächsten, nämlich der frühgeborenen Kinder geht.

    Zwillinge stillen – Erfahrungsbericht über das Stillen von frühgeborenen Zwillingen (Teil 1)

    Zwillinge stillen – Erfahrungsbericht über das Stillen von frühgeborenen Zwillingen (Teil 2)

    Zwillinge stillen – Erfahrungsbericht über das Stillen von frühgeborenen Zwillingen (Teil 3)

    Zwillinge stillen – Erfahrungsbericht über das Stillen von frühgeborenen Zwillingen (Teil 4)

    Zwillinge stillen – Erfahrungsbericht über das Stillen von frühgeborenen Zwillingen (Teil 5)

    Zwillinge stillen – Erfahrungsbericht über das Stillen von frühgeborenen Zwillingen (Teil 6)

    Zwillinge stillen – Erfahrungsbericht über das Stillen von frühgeborenen Zwillingen (Teil 7)

    Zwillinge stillen – Erfahrungsbericht über das Stillen von frühgeborenen Zwillingen (Teil 8)

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