Zwillingsschwangerschaft
  • Letzte Artikel

  • Kategorien

  • « | Home | »

    Zwillinge stillen – Erfahrungsbericht über das Stillen von frühgeborenen Zwillingen (Teil 4)

    Von Christian Reuter | 13.März 2012

    Wessen Dickkopf ist stärker? Pascal wird an die Brust gewöhnt.
    Im Krankenhaus versuchte ich auch, Pascal an die Brust zu legen. Dies klappte jedoch überhaupt nicht. Er war so klein, dass er mit seinem aufgerissenen Mäulchen kaum mehr als die Brustwarze umschließen konnte. Dann kam natürlich nichts heraus, und er bekam einen ungeheuren Zorn. Schließlich probierte er es nicht einmal mehr, sondern brüllte gleich los, wenn ich ihn anlegen wollte. Ich ließ es bleiben und verschob das Problem auf die Zeit zu Hause.

    Als Pascal mit vier Wochen nach Hause kam, nahm sich mein Mann erst mal seinen Jahresurlaub. Diese drei Wochen waren sehr, sehr wichtig für uns als frischgebackene Familie! Wir schafften es, ein wenig mehr Ordnung ins Chaos zu bringen. Pascal war zunächst „Papas Kind“, d.h. er wurde allein von seinem Papa mit der Flasche gefüttert. So konnte jedes Kind seinen Rhythmus haben, nachts wachte sogar vom jeweiligen Geschrei nur der „ zuständige“ Elternteil auf. Auch der Zwillingsbruder schlief weiter, obwohl die beiden Kinder nebeneinander im selben Bettchen schliefen.

    Ich habe Pascal zum ersten Mal wieder nach zwölf Tagen angelegt. Warum ich so lange gewartet habe, weiß ich nicht mehr. Vielleicht wollte ich, dass er die „schlechte Erfahrung“ mit der Brust vergisst, oder ich war einfach zu entmutigt von den Stillversuchen im Krankenhaus. Auf jeden Fall war es wichtig, dass meine Hebamme beim ersten Versuch dabei war, denn ich brauchte vor allem die Sicherheit, die eine kompetente Person ausstrahlt. Das erste Mal saugte Pascal sogar 15 Minuten lang, allerdings leerte er danach wie gewohnt sein Fläschchen. Der zweite Versuch am nächsten Tag, auch mit Hebamme, endete allerdings nach fünf Minuten in Zorn und Gebrüll. Wir versuchten beim Anlegen, ihm ein Erfolgserlebnis zu verschaffen, indem wir aus seinem Fläschchen ein wenig Milch in seinen Mundwinkel tröpfeln ließen, damit er dann die Brustwarze packte, aber das klappte leider nicht.

    Eine halbe Woche später brachte meine Hebamme Stillhütchen mit, da meine Brustwarzen recht flach sind und dadurch der Saugreflex hinten am Gaumen nicht so leicht ausgelöst werden konnte. Wir füllten schon etwas Milch hinein, damit beim ersten Saugen gleich etwas kam. Dies war ein vielversprechender Versuch. In den nächsten Tagen legte ich Pascal immer öfter an, und zwar immer nachdem Johannes seine Seite schon leergetrunken hatte, denn dann ist der Milchspendereflex schon ausgelöst und die Milch beginnt auch auf der anderen Seite leicht zu fließen. Allerdings trank Pascal immer seine gewohnte Menge aus dem Fläschchen, egal ob er zuvor gestillt worden war oder nicht. Wir begannen daher, ihn wie im Krankenhaus vorher und nachher zu wiegen, um herauszufinden, ob er überhaupt etwas aus der Brust trank.

    Das würde ich allerdings so nicht wieder machen! Zum einen nervt das ständige Wiegen, und zum anderen waren die Babywaagen, die wir nacheinander hatten, alle so ungenau, dass man oft einen Gewichtsunterschied von 50g hatte, wenn man das Baby zweimal direkt nacheinander darauflegte. Wenn man feststellen will, ob das Kind vielleicht 20g oder aber gar nichts getrunken hat, ist diese Ungenauigkeit viel zu groß. Bis wir das bemerkten, dauerte es drei Tage, dann ließen wir das Wiegen wieder bleiben. Pascal akzeptierte zwar die Brust mit Stillhütchen, aber so zu stillen blieb schwierig. Er war recht zappelig, zog das Stillhütchen zur Seite oder biss darauf, so dass ständig das eben mühsam entstandene Vakuum wieder weg war. Und wenn nicht sofort Milch kam, fing er wieder an zu schreien. Nach einer Woche gaben wir es dann auf.

    Einerseits wollte ich Pascal unbedingt an die Brust gewöhnen, und mein Mann war der gleichen Meinung. Andererseits plagte uns immer der Zweifel, ob man einem so kleinen Baby nicht alle unnötigen Mühen ersparen sollte, da ihn auch die DreiMonatsKoliken
    quälten. Er war zu dem Zeitpunkt gut sieben Wochen alt und hatte gerade die 3000g erreicht. Zudem glaubten wir kaum mehr an einen Erfolg und sagten bald der Hebamme, dass sie nun nicht mehr kommen müsse.

    Von meiner Hebamme und aus den Stillbüchern wusste ich, dass das Saugen aus der Brust viel schwerer geht als aus dem Flaschensauger. Und gerade die weichen Sauger, die wir vom
    Krankenhaus mitbekommen hatten, machten es den Frühchen ja besonders leicht. Aus diesen rann die Milch fast von alleine heraus. Mein Gedanke war nun, dass es Pascal vielleicht einfach an der nötigen Muskulatur fehlte, um kräftig genug an der Brust zu saugen. Wenn er brüllte, konnte ich gut sehen, wie dünn seine Zunge noch war! Deshalb kauften wir Fläschchen und Sauger von Avent, von denen behauptet wird, dass sie dazu geeignet seien, sie neben der Brusternährung her zu benutzen, da sie von der Form und Schwergängigkeit her der Brust nahekommen.

    Pascal akzeptierte diese Sauger, allerdings brauchte er für seine Mahlzeiten jetzt etwa doppelt so lange wie vorher. Wieder plagten uns die Zweifel, ob man ihm das antun dürfe und ob man es ihm nicht eher so leicht wie möglich machen sollte. Wir blieben trotzdem dabei und gaben ihm ab der 7. Woche nur noch diese Flaschen. Außerdem gaben wir ihm nun seine verschiedenen Medikamente nicht mehr im Fläschchen, sondern auf einem Löffel vor der Mahlzeit. Dadurch war der Geschmack der Muttermilch im Fläschchen nicht mehr verfälscht, und an der Brust schmeckte es nun genau so wie gewohnt.

    Nach drei weiteren vergeblichen Stillversuchen zwischen der 7. und der 10. Woche kam der
    letzte Anstoß, es doch noch einmal zu probieren, vom Kinderarzt: „Legen Sie ihn doch einfach vor jeder Mahlzeit kurz an.“ Es war zwar nicht jede Mahlzeit, das viele Gebrüll hätte ich nervlich nicht ausgehalten, aber vier Tage lang bei drei Mahlzeiten, dann vier, und auf einmal trank Pascal nur noch 20 – 40g aus dem Fläschchen, wenn er zuvor gestillt worden war, bei sonst 90 – 110g ohne Stillen. Ich ließ ihn trinken, solange es einigermaßen gut ging, anfangs fünf Minuten, dann zehn, später 20 – 30 Minuten. Am sechsten Tag leckte er bloß noch am Fläschchen, war aber vom Stillen schon satt. Wir hatten es tatsächlich geschafft!

    Nun mussten wir Eltern uns daran gewöhnen, keine Kontrolle mehr über die Trinkmenge unseres Winzlings zu haben. Das fiel uns nach gut zehn Wochen Flaschenfütterung wirklich schwer. Die Babywaage half uns dabei: Wir wogen Pascal noch ein einziges Mal vor und nach dem Stillen (Unterschied: 90g!), und noch zwei Monate lang ein Mal pro Woche, um zu sehen, ob er gut zunahm. Dann gaben wir die Waage zurück. Die Versuchung, öfter zu wiegen, ist zwar da, wenn eine Babywaage in der Wohnung steht, aber das bisschen Disziplin brachten wir auf nach der Warnung vom Kinderarzt, uns nicht verrückt machen zu lassen.

    Zwillinge stillen – Erfahrungsbericht über das Stillen von frühgeborenen Zwillingen (Teil 1)

    Zwillinge stillen – Erfahrungsbericht über das Stillen von frühgeborenen Zwillingen (Teil 2)

    Zwillinge stillen – Erfahrungsbericht über das Stillen von frühgeborenen Zwillingen (Teil 3)

    Zwillinge stillen – Erfahrungsbericht über das Stillen von frühgeborenen Zwillingen (Teil 4)

    Zwillinge stillen – Erfahrungsbericht über das Stillen von frühgeborenen Zwillingen (Teil 5)

    Zwillinge stillen – Erfahrungsbericht über das Stillen von frühgeborenen Zwillingen (Teil 6)

    Zwillinge stillen – Erfahrungsbericht über das Stillen von frühgeborenen Zwillingen (Teil 7)

    Zwillinge stillen – Erfahrungsbericht über das Stillen von frühgeborenen Zwillingen (Teil 8)

    Zwillinge stillen – Erfahrungsbericht über das Stillen von frühgeborenen Zwillingen (Teil 9)

    Topics: Der Alltag mit Zwillingen | Kein Kommentar »

    Kommentare